home Ich sitze im Cockpit, während mein Schiff seine Bahn Richtung Westen zieht. In meiner Hand halte ich ein Stück Teakholz. Die See ist ruhig und ich  denke mir, das ist doch das optimale Wetter zum Schnitzen. Mit Stechbeitel und Hammer mache ich mich daran, die Zehen meines Holzbeines  auszuarbeiten. Da geht plötzlich ein Ruck durchs Schiff Ein grelles Licht blendet mich. „Buenas noches, Sefior" ertönt eine krächzende Stimme, und  als ich meine Augen öffne, schaue ich direkt in eine Neonlampe. Alles nur ein Traum? "La temperatura, sehor". Verschwitzt und verschlafen versuche ich mich, zu sammeln. Die Klimaanlage lässt mich frösteln. Ich  liege im Krankenhaus. Beim Aufrichten zieht eine Art Stromschlag durch meinen rechten Fuß. Im gleichen Moment steckt man mir irgendetwas  strohhalmartiges in den Mund. Nun bin ich hellwach. Ich liege in einem Privatzimmer des Hospital National in Panama City. Es ist fünf Uhr morgens  und die Schwester misst meine Temperatur, wie die zurückliegenden sechs Wochen, die ich hier liege. Drehen wir die Zeit zurück: Nach einer aufregenden Panamakanal-Passage segelte ich im Konvoi mit zwei anderen Yachten zu den Las Perlas  Inseln, einem letzten Stopp vor der großen Ueberfahrt. Auf den Inseln lebten wir in den Tag hinein, vertrieben uns die Zeit mit tauchen und fischen.  Bis zu dem Tag, an dem ich mir den Fußknöchel an einer Koralle schrammte. Es war nur eine winzige Wunde, vielleicht 1,5 Zentimeter lang und  nicht tief. Nur die oberste Hautschicht war abgeschürft und es blutete ein wenig. Diese Art Verletzung hatte ich schon oft, ohne mich groß darum zu  kümmern. Ich habe gutes "Heilfleisch" und nach einigen Tagen war von den Verletzungen nichts mehr zu sehen. Diesmal war es anders. Die Wunde auf dem Knöchel wurde immer wieder aufgescheuert oder beim Schwimmen aufgeweicht. Zwar war sie leicht  gerötet und nässte etwas, aber sie fing an, sich zu schließen. Immer wenn ich mal daran dachte, strich ich etwas Salbe auf und klebte ein Pflaster  darüber. Aber wie es so auf Schiffen ist: Ein Pflaster verliert in maritimer Umgebung nach ungefähr fünf Minuten seine Klebeeigenschaften. Es wurde Zeit aufzubrechen und den Kurs auf die Galapagos abzustecken. Manfred von der PASEO war auch alleine unterwegs und auf der  BamBoo segelten Cris und Catrin. Weil wir vier uns seit Monaten kennen, versuchen wir, wenn wir zusammen segeln, in Reichweite unserer VHF-  Funkgeräte zu bleiben. Nach vier Tagen standen wir erst 80 Seemeilen südlicher. jede Meile, die wir durch Aufkreuzen gewannen, wurde durch die gegensetzende  Strömung halbiert. Ab und zu benutzten wir unsere Motoren, aber bei dem Gedanken, das Tausende von Seemeilen vor uns liegen, schalteten wir  den Motor dann doch schnell wieder aus. Schließlich hatten wir alle Zeit der Welt.  In unserer Funkrunde machte sich langsam eine schlechte Stimmung breit. Manfred klagte über Schmerzen im linken Bein. Während der letzten  Grillparty am Strand fraßen ihn die Mücken fast auf. Einige dieser Stiche hatten sich durch ständiges Kratzen entzündet, er konnte nur noch unter  starken Schmerzmitteln ein wenig Schlaf finde.  Nach einer weiteren Flauten- und Gewitternacht fiel unsere Entscheidung: Abdrehen, und das 50 Seemeilen entfernte Punta Mala im Westen  ansteuern. Unsere Anker fielen in der Flussmündung des Rio Purio, vor einem kleinen Dorf. Zehn Kilometer weiter, in der Stadt Las Taplas, gab es Ärzte und  ein Krankenhaus. Manfred zeigte mir sein Bein. Es war inzwischen fast doppelt so dick wie das andere. Ich strich etwas Salbe auf. Und, ohne mir  die Hände nach dem Berühren von Manfreds Bein zu waschen, löse ich das Pflaster von meiner Wunde.  Ich weiß nicht, ob es der Auslöser war. Aber nach weniger als einer halben Stunde überkam mich heftiger Schüttelfrost. Ich wollte nur noch auf mein  Schiff. In der Nacht wachte ich einige Male auf und musste mich erbrechen. Auch mein Darm spielte verrückt. Mein Fuß begann zu pochen und  schwoll an.  Als die anderen auf den Weg ins Krankenhaus aufbrachen, hätte ich mitfahren sollen, aber ich wollte auf die Boote aufpassen. Außerdem war ich  nicht in der Verfassung, mich in einen Bus zu klemmen. Ich versuchte es mit fiebersenkenden Mitteln und Schmerztabletten. Die Nacht war eine  Qual. Nur unter starken Schmerzmitteln konnte ich es einigermaßen aushalten. Ich litt immer noch an Fieber und Appetitlosigkeit. Manfred kam mit einer Papiertüte voller großer roter Pillen, einer Dosis Antibiotika, die man ihm bereits im Krankenhaus spritzte, und einer  Streptokokken-Diagnose zurück. Diese kettenbildenden Bakterieninfektionen sind nichts Ungewöhnliches. Der ärztliche Ratschlag: Immer schön die  Tabletten nehmen und in den nächsten zehn Tagen zwei weitere Spritzen verabreichen lassen. Mit Cris fuhr ich dann doch zum Arzt. Diagnose:  Streptokokken. Aus ärztlicher Sicht hatten die Mücken in die Wunde gestochen. Die nächsten Tage vergingen mit Schlafen unter  Medikamenteneinfluss. Cris und Catrin hatten die Schwesternrolle eingenommen und versorgten uns so gut es ging. Manfreds Wunde schien sich zu erholen, aber bei mir hatte sich außer dem sinkenden Fieber nichts geändert. Ich hatte nun einen Ballonfuß und  Schmerzen. Der Wasserdruck im Gelenk erschwerte mir das Gehen. Nach vier Tagen wieder im Krankenhaus: Eine Schwester öffnete den Verband  und schüttelte den Kopf. Der Fuß war stark geschwollen und oberhalb des Knöchels glänzte die Haut feuerrot. Ich erklärte die Entstehung und  zeigte auf die fast nicht mehr sichtbare Schürfwunde. Sie trug eine Salbe auf und legte einen frischen Verband an. Nur wenn es unbedingt notwendig war, verließ ich mein Schiff. Oft kamen Fischer in ihren Booten und schenkten mir Brot und Früchte. Jeder hatte  Mitleid und es wurde immer wieder Hilfe angeboten. Ich war sprachlos von der Freundlichkeit der Menschen.  Bei dem nächsten Besuch im Krankenhaus entfernte eine Ärztin etwas Haut, die sich abgepellt hatte. Zum ersten Mal wurde mir geraten, für einige  Tage ins Krankenhaus zu kommen. Ins Krankenhaus? Und mein Schiff alleine auf einem nicht besonders sicheren Ankerplatz? Kam nicht in Frage!  Sicher, Manfred, Cris und Catrin waren da, um auf mein Schiff aufzupassen. Aber was wäre, wenn der Wind drehte und der Ankerplatz unsicher  würde? Dann bliebe keine Zeit für ein anderes Schiff. Jeder hätte in einer solchen Situationen mit sich selbst genug zu tun. Nach unserem Sonntagslunch im Fischerdorf wollten Cris und Catrin zu einem kleinen Spaziergang aufbrechen. Ich lehnte dankend ab und machte  auf der Parkbank unter einem großen Schatten spendenden Baum ein Nickerchen - bis mich eine alte Frau aufweckte. Mein Spanisch ist nicht das  Beste, aber ich verstand durch ihre Gesten, dass ich ihr folgen und den Verband öffnen solle. Die Alte und ihre Tochter begutachteten meine Wunde, diskutierten und verschwanden im angrenzenden Garten. Nach einiger Zeit kam sie mit einem Büschel verschiedener Kräuter wieder, die sie im  Wasser kochte, während die Tochter meine Wunde reinigte. Nun wurden Wickel angelegt, die mit dem Kräutersud übergossen wurden. Schon nach  kurzer Zeit verspürte ich ein wohltuendes, entspannendes Gefühl. Mit bewundernswerter Geduld behandelten die beiden Frauen den ganzen Tag  meinen Fuß. Am nächsten Vormittag ging es weiter. Diesmal lag ich in einer großen Hängematte. Mein Fuß wurde wieder mit Wickel belegt und mit dem  Kräutersud übergossen. Die Schwellung ging deutlich zurück. Den ganzen Tag lang lag ich im Schatten und döste vor mich hin. Ab und zu kamen  die beiden und gesellten sich zu mir. Mittags gab es reichhaltiges Essen. Ich fühlte mich in meiner Situation aber nicht wohl. All diese Freundlichkeit  und Hilfe? Ich wusste nicht so richtig, damit umzugehen. Die alte Frau sprang mit ihren 84 Jahren um mich herum, kein Weg war ihr zu weit.  So vergingen die Tage bis mich meine Freundin Vivian besuchte, die in der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt Panarna City wohnt. Sie war über  den Zustand der Wunde tief erschrocken. Ihr Entschluss war unumstößlich: Ab nach Panama City und dort in ein Krankenhaus. Ich versprach, am  nächsten Tag mit meinem Boot nach Panama City zu starten. Am Morgen lichtete ich den Anker. Cris begleitete mich. Ich wollte die Reise nicht  alleine antreten. Noch am selbern Abend, an dem wir Panama Citv erreichten, organisierte Vivian einen Arztbesuch. Die Diagnose: Wundbrand. So schnell wie  möglich ins Krankenhaus. Noch am Abend wurde ich von einer Freundin Vivians, Isela, die als Chirurgin im Krankenhaus arbeitet, operiert. Schon während meiner Anreise zum Krankenhaus hatte mein Vater Kontakt aus Deutschland mit meiner Krankenversicherung aufgenommen. Sofort  wurde von der Versicherung eine Kostenübernahme für die ersten Tage zugesichert. Dummerweise hatte ich keine Versicherungsunterlagen bei mir, als ich mich im Krankenhaus aufnehmen ließ. Die Versicherung teilte mir mit, dass ich nur deren Telefon- und Faxnummer dem Krankenhaus  mitteilen sollte. Dann würde das Krankenhaus direkt Kontakt mit der Versicherung aufnehmen. Leider wollte die Verwaltung des Hospitals sich nicht  mit der Telefonnummer zufrieden geben. Sie bestand auf 500 US-Dollar Kaution. Als ich aus meiner Narkose aufwachte, standen Beatrice und Isela an meinem Bett, zwei nette Ärztinnen. Da war ich nun: Ein eigenes Zimmer mit  großem elektrisch bedienbaren Bett und einem Fernseher mit Fernbedienung. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Die Situation fing an mir zu  gefallen. Ich hätte mit jedem weiteren Tag meinen Fuß aufs Spiel gesetzt. Isela beschrieb mir, dass sie sehr viel totes Gewebe entfernen musste und ich noch  nicht übern Berg sei. Nun sei es sehr wichtig, dass ein Antibiotikum gefunden würde, um die Entzündung einzudämmen. Eine Gewebeprobe sei  bereits im Labor, um die genaue Art der Bakterien zu bestimmen. Da lag ich nun im Krankenhaus, schönes weißes Bett, Süßwasserduschen bis zum Abwinken, dreimal täglich Essen und von morgens bis abends  Fernsehen. Endlich hatte ich Zeit meine Versicherungsunterlagen durchzusehen. Mit der Krankenversicherung war zwischenzeitlich alles geklärt.  Meine 500 US-Dollar wurden mir zurückerstattet und man rief mich regelmäßig an, ob es mir auch gut ginge. Natürlich hatte ich auch Telefon am  Bett. Die Versicherung willigte sofort ein, als ich um ein Einzelzimmer ersuchte. Es ist kein Vergnügen, wenn noch jemand im gleichen Zimmer liegt  und die Besuchszeiten von morgens acht Uhr bis morgens acht Uhr, also 24 Stunden sind und dauernd 15 Leute am Nachbarbett stehen, wenn man  die Pinkelflasche benutzen muss Aber so ist das eben in fremden Ländern. Meine Auslandkrankenversicherung hatte vollstes Verständnis und kooperierte bestens mit mir und den Ärzten. Von Deutschland aus haben  spanisch sprechende Sachbearbeiter sich mit meinem behandelnden Arzt besprochen und alles geregelt. Mich steckte man die ersten zehn Tage zweimal taeglich bis zu zwei Stunden in eine Druckkammer, in der ich Sauerstoff einatmen musste. Die  Kammer war so klein, dass ich gerade mit Liege hineinpasste. Ich stellte fest, dass die Wunde dadurch sehr schnell heilte. Eine Methode, die in Deutschland wohl nicht so verbreitet ist, aber ich war ja in den Tropen. Vivian besuchte mich fast jeden Tag. Sie erledigte  Behördengänge und stimmte mit der deutschen Botschaft meine Immigrationspapiere ab.  Cris brachte mein Boot in die Marina Balboa. Sicher ist sicher. Zu dieser Jahreszeit konnte es auf den Ankerplätzen ungemütlich werden.  Nach vier Wochen war von meinem Loch im Bein nicht mehr viel zu sehen. Nur das rohe Fleisch war noch sichtbar. Nun besuchte mich ein  plastischer Chirurge, der durch eine Hauttransplantation die Wunde schließen wollte. Er besprach sich mit meiner Versicherung und schilderte sein  Vorgehen. Am Tag darauf klingelte bei mir am Bett das Telefon, die Krankenversicherung "Herr Gier, Sie fliegen morgen in der Businessklasse mit der  Lufthansa nach Deutschland. Alles ist vorbereitet, das Ticket liegt bereit... "Wie", stammelte ich "und wieso überhaupt?' „Ja, wissen Sie, wir sind mit  der Art der Hauttransplantation nicht zufrieden. Es handelt sich hier nicht um deutschen Standard", teilte mir der Facharzt der Versicherung mit. "Und was ist mit meinem Schiff?" Ich bin auf Weltumsegelung und habe keinen Wohnsitz mehr in Deutschland. Darum müssen sie sich selber  kümmern. Für Ihr Boot und den Rückflug sind wir nicht zuständig. Wir legen Ihnen nur nahe, die Transplantation in Deutschland durchzuführen. Es  ist aber auch kein Problem, wenn Sie sich weiterhin in Panama behandeln lassen wollen, in diesem Fall übernehmen wir die Behandlungskosten."  So der Arzt der Versicherung. Unsicherheit machte sich in mir breit. Fragen über Fragen. Dann lud ich alle behandelnen Ärzte zu einer Krisensitzung Sie sahen keinen Grund zur  Abreise. Ich auch nicht. Das Krankenhaus war super, Ärzte, mit denen ich schon fast befreundet war und denen ich vertraute. Ich entschied mich, in  Panama zu bleiben. Für die Versicherung war das kein Problem, und für mich die einfachste und beste Lösung. Einige Tage später wurde mir mit einem Hobel Haut vom Oberschenkel entfernt und auf meine Wunde am Fuß gelegt. Zehn Tage später war meine  Wunde komplett geschlossen. Ich hab noch mal Glück gehabt. Mein Fuß ist noch dran. Schade, dass ich viele Freunde nicht mehr im Pazifik treffen würde. Aber ich hatte hier  wieder neue Freunde gewonnen und konnte alte Freundschaften weiter pflegen. Eine wichtige Sache noch zum Schluss: Vor einigen Jahren hatte ich eine zusätzliche Krankenhaustagegeldversicherung abgeschlossen. Diese  Versicherung hat mir ein "Zubrot" von 25 Euro Krankenhaus und Genesungsgeld eingebracht. Mit diesem Geld konnte ich die Kosten, die während  des Krankenhausaufenthaltes entstanden, decken. So eine Zusatzversicherung kostet nur sehr wenig, und versichert auch Invalidität. Mein Boot hatte ich vollkaskoversichert. In der Hoffnung, dass ich bei einem Schaden keine finanziellen Sorgen habe. Mir ist dann aber aufgefallen,  dass es doch einige Lücken gibt. Was ist, wenn ich als Einhandsegler ins Krankenhaus muss und keiner auf das Boot aufpasst? Dann muss man  das Schiff in die Marina legen und Liegekosten bezahlen. In Balboa Yachtclub waren es für 30 Fuß 15 US-Dollar am Tag. Bei sechs Wochen Krankenhausaufenthalt ein stattlicher Betrag. Trotz  Auslandskrankenversicherun-und Vollkasko für das Boot, stellen sich die Fragen wer sich um mein Hab und Gut kümmert oder die Kosten zahlt, die  zusätzlich entstehen?  Das Holzbein veröffentlicht im Palstek 01/2003