Was mache ich bloss wenn ich Zahnschmerzen bekomme?   Oder mir ein Bein breche? Oder unterwegs krank werde? Davor haben wir  Weltenbummler angst. sich ohne Motorhilfe in eine Buch zu retten oder ein zerissenes  Segel zu reparieren bereitet den meisten keine porbleme. Überall wo sich Segler treffen,  wird improvisiert. Es wird gebastelt bis der Motor wieder läuft, das Segel wieder steht  oder das Leck geflickt ist. Wir haben eben Zeit. Was man selbst nicht hat, hat vielleicht  der Nachbar am Ankerplatz. Rund ums Boot sind wir durch die Gemeinschaft gut  versorgt. Zurück zu den Zahnschmerzen.  Was ist, wenn uns diese zum Wahnsinn  treiben? Dann sind wir wirklich verloren. Nur schnell zum nächstbesten Zahnarzt und den  Zahn ziehen lassen, wenn es keine Möglichkeiten gibt, ihn zu erhalten. Einen Eindruck  von einem Eingriff bekam ich auf Toau, einem kleinen Motu mitten in der Südsee. Der  Patient war kein Blauwassersegler, sondern Mana, ein Inselbewohner, den seit vielen  Tagen heftige Zahnschmerze plagten. Mana lebt auf dem Motu mit seiner zwölfköpfigen  Farnilie. Normalerweise auch noch mit seinen Eltern, aber die sind zurzeit auf Tahiti, 250  Seemeilen entfernt. Die Arbeitstage sind ausgefüllt mit der Herstellung von Kobra und  dem Fischfang. Bis zur nächsten Stadt sind es zirka drei Tage mit dem Boot, falls der  Wind und die Windrichtung passen. Außer dem Boot gibt es auf der Insel nur ein Moped.  Was braucht man mehr bei 300 Metern Inseldurchmesser? Ich liege hier seit Wochen mit einigen anderen Yachten vor Anker. Wir gehören fast zur  Familie. Wir gehen zusammen fischen und kochen abends gemeinsam in Manas Haus.  Alle leiden wir mit ihm. Trotz Schmerzmittel, hat der arme Junge (19 Jahre) starke  Schmerzen. Unter uns Weltenbummlern sind Schreiner, Elektriker, Schlosser und Ärzte.  Zum Beispiel Bent, ein dänischer Segler, der in der Heimat Pferde behandelte. Und  Natalie, eine Chirurgin aus Deutschland. Fast neben ihr Heinz, der Zahntechniker und  zwei Schiffe weiter die Narkoseärztin Liss aus den USA. Mit Mana im Dingi klappern wir  alle Medi-ziner im Ankerfeld ab. Nach kurzer Beratung des Ärzteteams steht fest: Der  Zahn muss raus. Bent als Ex-Veterinär wird zum Chefarzt ernannt. Was bei Pferden und  Hunden kein großes Problem war, das kann bei einem Menschen eigentlich nicht viel  anders sein. Zur Narkoseärztin wird Liss bestellt. Natürlich haben alle Berufszweige nur  das Beste an Equipment dabei. Ich kann leider nicht mit meiner Profibohrmaschine  helfen, wenigstens ist mein Fotoapparat gefragt. Endlich mal was los ...das tägliche  Fischen und Tauchen  wurde zur Routine. Alle versammeln sich an Land. Die Zahnarztpraxis ist in wenigen Minuten aufgebaut. Ein schattiger Platz auf der  Veranda unter den Palmen, Tisch und Plastikstuhl - und schon kann's losgehen. Mana  nimmt Platz. Noch während das Ärzteteam den kranken Zahn begutachtet, rutscht Mana  zusehends tiefer in den Stuhl. Nun hat der Mut ihn endgültig verlassen. Liss hat alles  Nötige dabei. Spritzen, Nadeln und die richtige Menge der "flüssigen Keule", um den 120-  Kilogramm-Burschen lokal zu betäuben. Als sie die Spritze ansetzt, versteift sich Mana  und krallen sich seine Fingernägel fast hörbar in die Lehnen. „Ruhig Mana", raunt das  Publikum. Wir vertrauen dir in den Riffen beim Tauchen, nun kannst du uns vertrauen. "  Leichtes Gelächter macht die Runde und Manas Augen zeigen wieder ein leichtes  Lächeln. Wir alle sind gespannt, denn man hat sehr selten die Moeglichkeit, eine richtige  Operation life zu sehen. Dabei waren wir ja alle schon mal, aber immer auf der falschen  Seite. Die erste Spritze ist gesetzt. Mana, der Fleisch-berg, ist sich nicht ganz sicher, ob  er noch etwas spürt. Gestern noch hat er einen 1,5 Meter langen Hai an denn Flossen  gepackt und in hohem Bogen aus dem Fischer-netz geschleudert. Heute sitzt er auf  einem Gartenstuhl und hat Tränen in den Augen. Liss zieht die nächste Spritze auf. Uns  allen stellen die Nackenhaare auf, aber der polynesische nimmt die Sache nun  gelassener. Nach 20 Minuten haengt ihm endlich die Unterlippe runter. Nun ist Bent an  der Reihe. Die Werkzeuge sind gereinigt und ausgelegt. Der hagere Däne beugt sich  über seinen Patienten und setzt die Zange an. Natalie assistiert zusätzlich. Das  neugierige Publikum steht inzwischen auf Zehenspitzen. Leider wird der Blick durch das  Ärzteteam teilweise verdeckt, aber deutlich kann man die Schraubbewegungen der  Zange an Bents Schultern erkennen. Mana streckt die Beine durch und die ersten  Schaulustigen drehen sich ab. Dann fährt auch schon die Hand des Patienten hoch. Der  junge ist nicht zu halten. Der Doktor bricht ab. Der Patient verlangt nach Wasser. Eine  kurze Mundspülung und dreimal durchatmen, dann geht's weiter. Der Beißer scheint doch gut im Kiefer verwachsen zu sein. Wieder kreist die Zange in Manas Mund. Deutlich kann  man die Kraftanstrengung an Bents Armen erkennen. Der Stuhl wackelt heftig! Der Zahn  noch nicht. Natali versucht die 120 Kilogramm in Position zu halten, aber da fährt schon  wieder die Hand des Patienten hoch. Natalie streichelt sein Köpfchen und redet ihm gut  zu. Noch einen Schluck Wasser und diesmal auch noch ein kleiner Spaziergang durch  den Palmengarten. Bent ruft ihn zurück. "Weiter geht's. Der Zahn hat sich bereits bewegt.  Noch ein Versuch und das Ding ist raus." Die Reihe der Zuschauer hat sich sichtlich  ausgedünnt. Einige Zuschauer versuchen, sich durch das Fortführen ihrer Arbeiten  abzulenken, andere haben das Weite gesucht. Wir aber stehen fest an Manas Seite.  Schmerzen hat er nicht, sagt er, aber das Reißen an seinem Kiefer macht ihm Angst. Ein  letztes Mal setzt Bent an. Rechts, links, rauf, runter geht die Zange. Manas Körper ist  gespannt wie eine Gitarrenseite und schon fährt die Hand wieder hoch. Zu spät. Bent  dreht sich zur Seite und hält die Zange hoch wie das olympische Feuer.Endlich, jetzt  hängt der Zahn in der Zange. Mana hält sich die Backe und ist selber überrascht. Applaus geht durch die Runde und schon ruft jemand "Operation gelungen, Patient hat überlebt." Ich war sehr erstaunt, wie viel Kraft man anwenden muss, um einen Zahn zu ziehen.  Bent musste dreimal ansetzen. Saubere Arbeit. Manas Wunde blutet kaum. Mana strahlt.  Die Schmerzen sind weg. Spontan eröffnet er die Zahn-raus-Party. Während der  Behandlung bin ich mehrmals mit meiner Zunge über meine Zähne gefahren und habe  geprüft, ob ich mir auch einen Zahn ziehen lassen muss. Die Gelegenheit kommt so  schnell nicht wieder. Aber zum Glück fühlte sich alles gesund an.Eigentlich eine spaßige  Sache, aber mit einem ernsten Hintergrund. Glück für Mana, dass Profis in der Nähe  waren, um ihm zu helfen. So konnte er schnell von seinen Schmerzen befreit werden.  Leider darf er nun die nächsten vier Tage nicht tauchen. Eine bittere Pille für einen  Inselbewohner, der eigentlich im Wasser lebt. Zusammen haben wir es wieder einmal  geschafft. Ob Segel, Motor oder Zahn; Weltumsegler halten zusammen, und das macht  unsere Reisen sicher. Dieses ist nur ein Beispiel von vielen, die ich in den letzten fünf  Jahren erlebt habe. Es ist ein Geben und Nehmen. Hier, fern der Heimat, ist sich nicht  jeder selbst der Nächste. Auch deshalb macht es Spaß. Der Inselzahnarzt  veröffentlicht im Palstek 04/2004